Kennst du das? Du hast die Jacke schon an, bist auf dem Sprung zu einem wichtigen Termin. Da ruft dein Partner aus dem Nebenzimmer: „Schatz, kannst du mir vorher noch ganz kurz...?“ Und du? Sagst du: „Nein, keine Zeit, ich muss los“? Nein, natürlich nicht. Du stellst deine Tasche wieder ab. Weil du nicht streiten willst. Weil du nicht „schwierig“ sein willst…
Oder eine noch schönere Nummer: Du sitzt in einem Meeting, hast eine richtig gute Idee, aber bevor du sie aussprichst, verpackst du sie in so viel Watte, dass am Ende niemand mehr versteht, was du eigentlich sagen willst. „Also ich weiß nicht, ich glaube vielleicht, das ist nur so ein Gedanke, aber vielleicht könnten wir eventuell mal überlegen, ob..." Und wenn dann Kollege Kevin exakt dasselbe zwei Minuten später als knallharte Ansage raushaut, nickt der Chef anerkennend und Kevin bekommt die Beförderung.
Willkommen im Club der braven Mädchen.
Wir wurden über Generationen hinweg darauf trainiert, das „Good Girl“ zu sein. Sei nett. Sei zuvorkommend. Nimm nicht zu viel Platz ein. Lächle. Und um Himmels willen: Sei nicht anstrengend.
Denn das ist ja das Schlimmste, was dir als Frau passieren kann, oder? Als „schwierig" zu gelten. Als „bossy". Als „Bitch". Als „hysterisch". Es gibt für jede Eigenschaft, die bei einem Mann als Stärke durchgeht, eine diffamierende Beschreibung für Frauen. Ein Mann, der genau weiß, was er will, ist ein Macher. Eine Frau, die dasselbe tut, ist unweiblich. Ein Mann, der Warnungen in den Wind schlägt, ist mutig. Eine Frau, die dasselbe tut, ist eigensinnig.
Und ehrlich gesagt – ich hab die Nase gestrichen voll davon.
Denn Bravsein ist eine der miesesten Überlebensstrategien, die uns je verkauft wurde. Es macht dich zwar sozial akzeptabel, aber gleichzeitig unsichtbar. Es kostet dich Karrierechancen, Beziehungen auf Augenhöhe und – am schlimmsten – den Respekt vor dir selbst. Denn tief drinnen weißt du ja, dass du eigentlich gerade etwas ganz anderes sagen wolltest.
Es wird höchste Zeit für ein neues Vorbild. Und ich habe da schon jemanden im Kopf.
Die Frau, die niemanden um Erlaubnis fragte
Ihr Name war Gráinne Ní Mháille. Für die Engländer war sie Grace O'Malley. Für ihre Feinde war sie ein Alptraum. Für die Iren war sie eine Legende.
Um sie zu verstehen, musst du dir erst einmal ihre Heimat vorstellen: Clew Bay, an der wilden Westküste Irlands im 16. Jahrhundert. Das ist keine liebliche Landschaft mit sanften Hügeln und Schafen, die im Sonnenlicht grasen. Das ist eine unbarmherzige, salzige, sturmumtoste Welt aus schwarzen Klippen, tückischen Nebelbänken und einem Meer, das dich nicht mag. Wer hier überleben will, hat keine Zeit für Etikette. Diese Landschaft formt Charaktere aus Granit.
Grace war die Tochter eines mächtigen Clanchefs, und schon als kleines Mädchen wollte sie eines nur: mit ihrem Vater zur See fahren. Der lachte sie aus. Zur See gingen Männer, keine kleinen Mädchen mit langen Haaren. Also machte Grace, was jede vernünftige Achtjährige machen würde: Sie schnitt sich mit einem Messer die Haare ab, tauchte am nächsten Morgen mit einem Kurzhaarschnitt auf und sagte sinngemäß: „Jetzt zufrieden? Können wir?" Ihr Spitzname von diesem Tag an: „Gráinne Mhaol" – die kahle Gráinne.
Sie hat nicht gebettelt, gejammert oder geweint. Sie hat ein Problem identifiziert und es gelöst. Und das mit acht Jahren.
Später wurde sie Kapitänin einer eigenen Flotte, kommandierte hunderte von Männern und kontrollierte den kompletten Seehandel an der irischen Westküste. Sie war Piratin, Händlerin, Politikerin und Kriegerin in Personalunion. Und ja, sie war auch vierfache Mutter.
Die berühmteste Überlieferung über Grace verbindet ihre beiden Rollen auf fast schon unglaubliche Weise. Ihr jüngster Sohn Tibbot soll an Bord eines ihrer Schiffe geboren worden sein. Schon kurz darauf wurde die Galeere von nordafrikanischen Piraten angegriffen – und Grace blieb keineswegs unter Deck. Wie genau sie unmittelbar nach einer Geburt das Ruder in einer solchen Situation herumreißt, verrate ich hier allerdings nicht. Dafür musst du schon Katzengold lesen 😉.
Grace hat in diesem Moment jedenfalls nicht überlegt, ob es sich schickt. Sie hat nicht gefragt, was sie sich nach einer Geburt zutrauen dürfe. Sie hat nicht abgewartet, bis sich ein Mann für den Job fand. Sie hat einfach das getan, was getan werden musste. Denn es war ihr Schiff.
Zwei Königinnen. Ein Kaminfeuer. Ein Skandal.
Springen wir ins Jahr 1593. Grace ist über sechzig Jahre alt. Sie segelt persönlich nach London, um bei Königin Elizabeth I. die Freilassung ihres Sohnes zu erwirken, den die Engländer gefangen genommen haben.
Wer meine Astro-Biografie über Elizabeth I. gelesen hat, weiß: Die englische Königin war das exakte Gegenteil von Grace. Eine Meisterin der absoluten Kontrolle. Eine Frau, die in einem goldenen Käfig aus Paranoia lebte, in weißem Bleimehl gehüllt, umgeben von Spionen und Beratern. Elizabeth überlebte durch eiskalte Diplomatie, durch das perfekte Verstecken ihrer wahren Emotionen und durch eine fast schon zwanghafte Selbstbeherrschung. Sie hatte sich für den Thron entschieden – und damit für ein Leben in einem prächtigen Gefängnis.
Und dann steht ihr diese wilde, salzverkrustete Piratin gegenüber.
Zwei Anführerinnen, die aber völlig unterschiedliche Strategien gewählt hatten, um in dieser männerdominierten Welt zu überleben.
Um das Treffen der beiden Frauen ranken sich zahlreiche Geschichten. Und ob sich diese Dinge zu 100% exakt so abgespielt haben oder ob manches über die Jahrhunderte von irischen Geschichtsschreibern noch ein bisschen ausgeschmückt wurde, lässt sich heute schwer beweisen (wie so oft bei Legenden aus dem 16. Jahrhundert). Aber sie werden in fast jeder historischen Abhandlung über Grace O'Malley erzählt – vermutlich ist also etwas dran, darum will ich dir das nicht vorenthalten.
Es heißt, Grace weigert sich, sich vor Elizabeth zu verbeugen. In ihren Augen ist sie eine gleichrangige Königin – die von Irland, wenn auch inoffiziell. Sie spricht kein Englisch. Elizabeth spricht kein Irisch. Also unterhalten sich die beiden Frauen auf Latein.
Und dann kommt der Moment, der als eine der größten Frechheiten der Hofgeschichte gilt: Grace niest. Eine Hofdame reicht ihr sofort eines dieser edlen, mit Spitze bestickten Taschentücher, die am englischen Hof damals ein absolutes Luxusgut und Statussymbol waren. Man trug sie fast wie Schmuck.
Grace schnäuzt sich hinein. Ausgiebig. Und wirft das teure Tuch dann ins Kaminfeuer.
Die Hofdamen schnappen nach Luft. Das ist ein Skandal! Man hebt so ein Taschentuch doch auf, steckt es zurück in die Tasche! Grace sieht die entsetzten Gesichter, zuckt mit den Schultern und sagt ganz trocken sinngemäß: „Wir in Irland haben nicht die Angewohnheit, unseren Dreck in der Tasche mit uns herumzutragen."
Und weißt du, was das Erstaunlichste ist? Elizabeth ließ es durchgehen. Sie hätte Grace jederzeit einsperren oder hinrichten lassen können. Aber sie tat es nicht.
Ob sich diese Szene tatsächlich genau so abgespielt hat, wissen wir nicht. Gesichert ist jedoch, dass Grace mit ihrer Reise Erfolg hatte: Elizabeth ordnete die Freilassung ihres Sohnes an und gewährte ihr freies Geleit.
Warum? Vielleicht weil Elizabeth erkannte, was für eine starke Frau ihr gegenüberstand. Und weil sie vielleicht insgeheim wusste: Sie beide fochten einen ähnlichen Kampf – nur auf ganz unterschiedliche Weise.
Was Grace uns heute noch beibringen kann
Natürlich meine ich nicht, du sollst jetzt sofort ein Piratenschiff kapern und in Meetings Spitzentaschentücher ins Feuer werfen (wobei ich da gerne Mäuschen dabei spielen würde… 😂).
Es geht um etwas anderes. Es geht um die innere Erlaubnis, unbequem zu sein. Um die Erkenntnis, dass Respekt kein Geschenk ist, das dir jemand macht, wenn du nur brav genug bist. Respekt ist etwas, das du dir holst, indem du deine Grenzen klar ziehst – auch wenn das anderen nicht passt.
Grace hat verstanden, was wir oft noch lernen müssen: Wenn du wirklich du selbst sein willst, musst du dich entscheiden. Willst du weiterhin nach Anerkennung suchen, indem du das ewige Good Girl bist? Oder willst du Respekt einfordern?
Wenn du dich für Letzteres entscheidest, wirst du dafür einen Preis zahlen. Man wird dich „schwierig" nennen. Man wird hinter deinem Rücken tuscheln. Manche werden dich nicht mehr einladen. Aber weißt du, wer übrig bleibt? Die Leute, die dich wirklich sehen. Die deinen Wert erkennen. Die dich für das schätzen, was du bist – nicht für die Wattefigur, die du für sie geformt hast.
Ich nenne das die „Trotzdem-Kraft". Das Leben grätscht dir dazwischen? Man will dich klein machen? Man erwartet, dass du dich für deine Meinung entschuldigst? Jetzt erst recht. Nicht laut, nicht aggressiv, sondern mit dieser ruhigen, unerschütterlichen Souveränität einer Frau, die weiß, was sie wert ist.
Grace O'Malley ist seit über 400 Jahren tot. Aber auch nach so langer Zeit können wir immer noch von ihr lernen: Hör auf, um Erlaubnis zu bitten!
Von Piraten und Katzen
Wenn dich diese Frau auch so fasziniert, habe ich gute Nachrichten: Grace hat es in mein neues Buch geschafft.
In Katzengold, dem vierten Band meiner Pfotenpakt-Saga, wird meine Protagonistin Schnurri – eine hochintelligente Katzen-Dame mit ausgeprägtem Kontrollzwang und Helikopter-Mutter-Tendenzen – durch ein Dimensionsportal ausgerechnet auf Graces Piratengaleere katapultiert. Zusammen mit der Hündin Nala und dem Kater Sirius landet sie mitten in einer der brutalsten und faszinierendsten Epochen der irischen Geschichte.
Und dort trifft sie auf eine Frau, die das komplette Gegenteil von ihr ist. Die Chaos nicht bekämpft, sondern es akzeptiert. Und lebt. Eine Frau, die erschöpft und am Ende ihr Schiff verteidigt, ohne mit der Wimper zu zucken. Ausgerechnet die kontrollsüchtige Schnurri gerät damit auf das Schiff einer Frau, die mitten im Chaos ihre größte Stärke entwickelt. Ob Schnurri von Grace tatsächlich lernen kann, das Steuer gelegentlich loszulassen, ist allerdings eine andere Frage.
Es ist ein Roman über zwei Mütter, die sich über Jahrhunderte hinweg begegnen. Über die Kunst, loszulassen. Und über die Frage, was echte Freiheit eigentlich bedeutet. Aber vor allem ist es eine verdammt spannende Geschichte.
Wenn du Lust hast auf epische Zeitreisen, starke Frauen mit Ecken und Kanten und Psychologie mit Krallen, dann komm mit an Bord. Katzengold ist als eBook und Taschenbuch bei Amazon erhältlich.
Aber zurück zu der Frau, um die es hier eigentlich geht.
Dass Grace heute eine der Heldinnen in meinem Roman ist, hat fast schon etwas Ironisches. Denn wenn es nach den offiziellen Geschichtsschreibern ihrer Zeit gegangen wäre, wüssten wir heute gar nicht, dass sie jemals existiert hat.
Sehr vielsagend ist nämlich, was nach ihrem Tod um 1603 passierte. Die englischen Gelehrten – und ironischerweise auch die irischen Mönche, die damals die Chroniken führten – waren von ihr so peinlich berührt, dass sie schlichtweg versuchten, sie totzuschweigen.
Eine Frau, die Schiffe kommandierte, Männer anführte, fluchte, kämpfte und sich niemandem beugte? Das passte in absolut kein anständiges, patriarchal geprägtes Weltbild. Sie war das absolute Gegenteil eines braven Mädchens. Also beschlossen die Gelehrten, sie einfach aus den Geschichtsbüchern zu streichen, in der Hoffnung, man würde sie vergessen.
Sie haben die Rechnung ohne das irische Volk gemacht. Die Menschen hielten Grace in Liedern, Gedichten und Legenden am Leben, bis die Historiker Jahrhunderte später nicht mehr an ihr vorbeikamen.
Heute, über 400 Jahre später, ist sie präsenter denn je. Erst 2024 wurde in der irischen Küstenstadt Newport eine Bronzestatue zu ihren Ehren enthüllt, die zu einer echten Touristenattraktion geworden ist.
Und das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die sie uns hinterlassen hat: Für brave Mädchen, die immer nur höflich nicken, baut am Ende keiner ein Denkmal.
Oder, wie es die Historikerin Laurel Thatcher Ulrich Jahrhunderte später weltberühmt auf den Punkt brachte:
„Well-behaved women seldom make history.“
(Brave Frauen schreiben selten Geschichte.)

